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Franz Stampfl posthum mit World Athletics Heritage Plaque ausgezeichnet

Sonja Spendelhofer übernimmt symbolisch die World Athletics Heritage Plaque (C) ÖLV

Der legendäre aus Wien stammende Coach, der Sternstunden des Weltsports ermöglicht hat, ist damit Teil des „Leichtathletik Welterbes“. ÖLV-Präsidentin Sonja Spendelhofer mit IAAF-Verantwortlichen Chris Turner und einem Modell der Auszeichnung - die richtige wird erst im Jänner an den ÖLV übermittelt.

Der in Wien geborene und aufgewachsene Trainer Franz Stampfl (1913-1995) ist posthum vom Leichtathletik-Weltverband mit der „World Athletics Heritage Plaque“ ausgezeichnet worden. Diese Entscheidung wurde heute (26. September) am Tag vor Beginn der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Doha bekannt gegeben.

Begründet wurde Franz Stampfls Ruf als legendärer Coach durch die erste „Sub-4 Meile“. Stampfl war Trainer des Briten Roger Bannister (GBR), der am 6. Mai 1954 als erster Mensch eine Meile unter vier Minuten gelaufen ist. Ebenso betreute er beide Tempomacher in diesem Rennen, Chris Brasher (GBR), später mit Stampfl Olympiasieger über 3.000m Hindernis, und Chris Chataway (GBR), später mit Stampfl Weltrekordläufer über 5.000m. Der Meilenrekord von Bannister ist bis heute einer der prägendsten Sportmomente des 20. Jahrhunderts und das historische Vorbild für alle „Barrierebrecher“ im Sport – so auch ganz explizit für den Versuch von Eliud Kipchoge, einen Marathon in unter zwei Stunden zu laufen. Dieses Projekt, die INEOS 1:59 Challenge, wird in einem Zeitfenster von 12.-20. Oktober in Wien stattfinden.

"Als einer von sechs Trainern weltweit"

Franz Stampfl erhielt diese Auszeichnung als einer von sechs Trainern weltweit. Die World Athletics Heritage Plaque ist eine „Anerkennung für Sportlegenden“, die nach deren Tod verliehen werden kann. Unter anderem waren bereits Persönlichkeiten wie Jesse Owens und Emil Zatopek damit geehrt worden. Neben Sportlern und Trainern können auch außergewöhnliche Schauplätze und Sportkulturen mit einer Heritage Plaque ausgezeichnet werden. Im Mai 2019 erhielt das „Mösle Stadion“ in Götzis diese Ehrung als Örtlichkeit besonderer Mehrkampf-Ereignisse, wie dem ersten 9.000-Punkte-Zehnkampf von Roman Sebrle 2001.

"Ein ehrendes Andenken bewahren"

„Im Bewusstsein, dass Franz Stampfl seine größten sportlichen Erfolge in Großbritannien und Australien gefeiert hat, sind wir sehr stolz, dass ihm diese Ehrung zu Teil wird und wir als Österreichischer Leichtathletik-Verband gebeten wurden, die Auszeichnung stellvertretend anzunehmen und ihm ein ehrendes Andenken zu ermöglichen. Er war ein Weltbürger, der in Wien seine ersten Erfahrungen gemacht und seine ersten Erfolge gefeiert hat. Die geschichtlichen Verwerfungen des Zweiten Weltkrieges haben sich tief in ihn eingeschnitten. Sein Leben lag am Kreuzungspunkt von Weltsport, Zeitgeschichte und privaten Schicksalsschlägen und ist eine Inspiration für alle, die Sport betreiben“, sagt ÖLV-Präsidentin Sonja Spendelhofer.

Zahlreiche von Franz Stampfl trainierte Athleten holten Siege oder gewannen Medaillen bei Europameisterschaften, Commonwealth Games und Olympischen Spielen. Darunter war der Olympiasieg 1968 über 800m in Weltrekordzeit durch den Australier Ralph Doubell.

Mentaltraining, Intervalltraining, etc.

Viele von Stampfls Methoden waren bahnbrechend und sind heute noch modern. Er setzte auf Mentalarbeit, Intervalltraining, Teamwork, Projektplanung und die Verknüpfung von Körper und Seele, lange bevor Life Coaching und Sportpsychologie zur Profession geworden sind. Sein 1955 erschienenes Buch „On Running“ ist ein Klassiker der Sportliteratur, ein „bewundernswertes und packendes Buch über Training und Taktik“, wie die Times in London schrieb. Er führte und motivierte tausende Athleten aus allen Kontinenten und brachte Freizeitsportler zum Laufen, als City Marathons noch entfernte Zukunft waren.

Eine bewegte Lebensgeschichte

Franz Stampfl wurde am 18. November 1913 in Wien-Ottakring geboren und wuchs hier in einfachen Verhältnissen auf. Er absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und besuchte als Student der Malerei die Kunstgewerbeschule. In der Leichtathletik brachte er es 1935 zum österreichischen Juniorenmeister im Speerwurf. 1936 war er als Assistenztrainer Teil der österreichischen Olympiamannschaft von Berlin. Im Alter von 23 Jahren hat er nach einer Sperre wegen „gröbster Unsportlichkeit“ im Gefolge der Olympischen Spiele von Berlin aus Mangel an Perspektiven und Angst vor der politischen Entwicklung das Land Richtung London verlassen. In Großbritannien wurde er als „Enemy Alien“ (feindlicher Ausländer) verhaftet und 1940 unter verheerenden Bedingungen nach Australien deportiert. Zwei Jahre musste er in Internierungslagern verbringen und leistete danach Dienst in der australischen Armee. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges legte er in Großbritannien den Grundstein für Welterfolge im Sport.

Nachdem Franz Stampfl 1955 auf eine für ihn geschaffene Trainerstelle nach Australien berufen worden war, feierte er mit seinen Athleten weitere Erfolge. Der größte davon war der Olympiasieg in Mexiko City 1968 über 800 Meter durch Ralph Doubell. Seine Grenzerfahrungen im Zweiten Weltkrieg transformierte Stampfl in den Sport: „Der Kern seiner Botschaft war immer: Lass dich nicht von den Umständen unterkriegen, lass dich nicht brechen!“, so Doubell. Der ehemalige Wiener Kunststudent prägte auch einen Sager mit Potenzial zum Klassiker: „Running is an art, and every runner must be thought of as an artist.“ Fast bis zu seinem Tod am 19. März 1995 war Stampfl in Melbourne als Trainer tätig. Die letzten 15 Jahre seines Lebens wurde seine Widerstandskraft einmal mehr auf die Probe gestellt, denn nach einem Verkehrsunfall war er als Tetraplegiker fast ohne Bewegungen in Armen und Beinen. Er hat nicht aufgegeben und blieb vom Rollstuhl aus weiter aktiv.

Spannende Biografie erhältlich

Mehrfach ist Franz Stampfl, der ab 1956 australischer Staatsbürger war, nach Österreich zurückgekommen. Bei seinen Besuchen in Wien zwischen 1960 und 1980 hat außerhalb seines Verwandtenkreises aber praktisch niemand von ihm Notiz genommen. Seine Biografie wurde erstmals anlässlich seines 100. Geburtstages im November 2013 von Andreas Maier umfassend recherchiert und veröffentlicht. Das Buch „Franz Stampfl: Trainergenie und Weltbürger“ kann beim SportImPuls Verlag versandkostenfrei für Österreich bestellt werden. Eine englischsprachige Übersetzung und Neubearbeitung wird im Lauf des Jahres 2019 vorgestellt.

Buch

Andreas Maier
Franz Stampfl – Trainergenie und Weltbürger: Biografie eines Visionärs
SportImPuls, Salzburg-Wien 2013
192 Seiten, Paperback, zahlreiche Abbildungen
ISBN 978-3-200-03366-5
€ 19,90 € (A) | € 19,40 (D)
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Franz Ferdinand Leopold Stampfl

Geboren am 18. November 1913 in Wien. Österreichischer Juniorenmeister im Speerwurf 1935, Assistent des österreichischen Leichtathletik-Cheftrainers bei den Olympischen Spielen von Berlin 1936, Internierung als „feindlicher Ausländer“ in Großbritannien und Deportation nach Australien, Nationaltrainer für Nordirland 1946-51, selbstständiger Leichtathletiktrainer in London und Oxford 1951-55, Buch „Franz Stampfl On Running“ 1955, Berufung nach Australien 1955, ab diesem Zeitpunkt Leichtathletiktrainer in Victoria, ab 1958 als Director of Athletics an der Universität Melbourne. 1980 schwerer Verkehrsunfall und Tetraplegiker. Gestorben am 19. März 1995 in Melbourne.

Erfolge der von Franz Stampfl betreuten Sportler (Auswahl)

  • Roger Bannister (GBR): 3:59,4 – erste Meile unter 4 Minuten am 6. Mai 1954, 1500m-Europameister 1954, Sieger Empire Games 1954 über die Meile (3:58,8)
  • Peter Bourke (AUS): Sieger Commonwealth Games 1982 über 800 Meter, Bestzeit 1:44,78 Minuten
  • Chris Brasher (GBR): Olympiasieger 3000m Hindernis 1956, Studentenweltmeister 5000 Meter 1951
  • Chris Chataway (GBR): 5000m-Weltrekord 1954 mit 13:51,6 Minuten. Sieger Empire Games 3 Meilen 1954, EM-Silber 5000m 1954, Sub-4 Meile 1955 als weltweit vierter Läufer
  • Ron Clarke (AUS): Junioren-Weltrekord 1 Meile und 2 Meilen 1956. Weltrekord 2 Meilen 1967 [Clarke erzielte insgesamt 17 Weltrekorde auf mehreren Distanzen, wurde aber bei diesen drei Rennen von Franz Stampfl betreut.]
  • Jean Desforges (GBR): Olympia-Bronze 1952 in der 4x100m Staffel, Europameisterin Weitsprung 1954, dritte Plätze Empire Games 1954 im Weitsprung und über 80m Hürden
  • Ralph Doubell (AUS): Olympiasieger 800m 1968 in 1:44,3 Minuten (Weltrekord egalisiert), Universiade-Sieger 1967
  • Brian Hewson (GBR): Olympia-Fünfter 1956 über 1500m, Sub-4 Meile 1955 als weltweit fünfter Läufer, Europameister 1500m 1958
  • Hector Hogan (AUS): Olympiabronze 100m 1956
  • Thelma Hopkins (GBR): Hochsprung Weltrekord 1,74 Meter 1956, Olympiasilber 1956, Olympia-Vierte 1952, Europameisterin 1954, Siegerin Empire Games 1954 Hochsprung und Zweite im Weitsprung
  • Sue Howland (AUS): Siegerin Speerwurf Commonwealth Games 1982
  • Merv Lincoln (AUS): Meilenbestzeit 3:55,9 Minuten 1958, damals die zweitbeste je gelaufene Zeit, Silber Empire Games 1958 über die Meile
  • Gael Mulhall (Martin) (AUS): Olympiabronze Kugelstoß 1984
  • Nataša Urbančič (YUG / SLO): Olympia-Sechste 1968, Olympia-Fünfte 1972 und EM-Dritte 1974 im Speerwurf
  • Konditionstrainer von Fußballspielern, Tennisspielern (u.a. in den 1950er Jahren Roy Emerson), Boxern, Skirennfahrern (u.a. Jenny Altermatt, Olympiateilnehmerin Lake Placid 1980)

Auszeichnungen

  • Aufnahme in die Helms Athletic Foundation Hall of Fame, USA, 1957, als erster Nicht-Amerikaner
  • United States Olympic Association „Franz Stampfl in Appreciation 1958”
  • Ehrenbürger von Winnipeg, Kanada, 2. September 1958
  • MBE - Member of the Most Excellent Order of the British Empire „for his service to the sports of athletics”, 13. Juni 1981
  • Aufnahme als Associate Member in die „Sport Australia Hall of Fame”, 5. Dezember 1989
  • Aufnahme in die „Athletics Australia Hall of Fame“ (posthum, anlässlich seines 100. Geburtstags), 24. November 2013
  • Verleihung der „World Athletics Heritage Plaque” (posthum), 26. September 2019

Bilder (C) ÖLV, SportImpuls Verlag | Dieser Beitrag entstand mit großer Unterstützung durch Mag. Andreas Maier.  

26/09/19 19:13, Text: Helmut Baudis

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