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Tokyo 2020: Wer kann sich noch qualifizieren?

Victoria Hudson ist eine heiße Kandidatin (C) GEPA Pictures

Es gleicht ein wenig einer Mathematik-Schularbeit - und zwar die Analyse des World Rankings nach der Hallensaison und die Schlussfolgerungen für die Olympia-Qualifikation.

Die heimische Leichtathletik ist stolz, bereits fünf Fix-Starter/innen zählen zu können, die im Jahr 2019 die erschwerten Olympia-Normen des Welt-Leichtathletik-Verbands erfüllt haben. Es sind dies Lukas Weißhaidinger (Diskus), Verena Preiner, Ivona Dadic (Siebenkampf), Lemawork Ketema und Peter Herzog (Marathon). Für die weiteren heimischen Tokyo-Kandidatinnen und -Kandidaten muss wohl das Ziel via Netto-World Ranking (nur 3 Athleten pro Land) erreicht werden. Es wird geschätzt, dass rund die Hälfte aller Tokyo-Startplätze in der Leichtathletik so vergeben werden. Aber wer weiß, vielleicht sehen wir noch weitere Direkt-Qualifikationen durch Limit-Erbringungen heimischer Sportler/innen.

Nachfolgend wollen wir die Ausgangssituation unserer Olympia-Kandidaten anhand des aktuellen World Rankings beleuchten. Klarerweise wird sich hier bis Ende Juni noch einiges ändern, weil nun alle Verbände und Sportler ihren Fokus darauf richten. Chancen für die rot-weiß-roten Athleten gibt es aber mehrere.

Victoria Hudson in Pole Position

Speerwerferin Victoria Hudson (SVS-Leichtathletik), die in wenigen Tagen ihren ersten Saison-Wettkampf in Südafrika bestreiten wird, liegt aktuell auf Rang 34 des Netto-World Rankings (3 Athletinnen pro Land) und somit hauchdünn hinter den Top-32, die in Tokyo antreten werden können. Beim Wurf-Europacup in Leira (POR) in drei Wochen geht's dann erneut um eine gute Weite und Bonuspunkte. Bereits mit einer ähnlichen Saison wie 2019 hat die talentierte Athletin von Trainer Elisabeth Eberl hohe Chancen ihr Olympia-Debüt 2020 geben zu können.

Disziplin

Limit (Plätze)

Athletin

Rang

Punkte

Punkte 32. Platz

Punkte-Rückstand

Speer 64,00 (32) Hudson 34. 1.094 1.104 -10

Die Hallensaison macht Hoffnung

Für 5000m-Tokyo-Aspiranten Andreas Vojta (team2012.at) verlief die Hallensaison ausgezeichnet, mit seinen starken Leistungen über 3.000m und 1.500m zeigte er sich blendend in Form. Mit dem Sieg bei den Balkan-Hallenmeisterschaften konnte er 1.110 Punkte sammeln - sein punktebester Wert. Bei den 5000m-Läufern zählen ja bekanntlich drei Rennen der letzten 12 Monate und eines kann auch ein 3000m-Indoorergebnis sein. Da Vojta aus dem Vorjahr nur zwei 5000m-Ergebnisse ohne jeglichem Platzierungs-Bonuspunkt zu Buche stehen hat, sind die Hoffnungen auf eine zweite Olympia-Teilnahme nach 2012 (1500m) berechtigt. "Big Points" bei den Freiluft-Staatsmeisterschaften mit dem richtigen Pacemaker als Lokomotive sind fix eingeplant. Derzeit liegt er im Netto-World-Ranking auf Platz 65 und hat seit Jahresbeginn sieben Plätze gutgemacht.

Disziplin Limit (Plätze) Athlet Rang Punkte Punkte 42. Platz Punkte-Rückstand
5000m 13:13,50 (42) Vojta 65. 1.089 1.127 -38

Die dritten Spiele für Beate Schrott?

Nach London 2012 und Rio 2016 soll auch der Tokyo 2020-Schriftzug die Visitenkarte von Beate Schrott (Union St. Pölten) zieren. Die Hallensaison verlief, vor allem durch die starke Leistung bei den Hallen-Staatsmeisterschaften in Linz (1.169 Punkte), nach ihrem Geschmack. Derzeit fehlen Schrott auf den angestrebten 40. Platz im Netto-World Ranking nur 27 Punkte im Schnitt der Top-5 Ergebnisse. Zweibeste Österreicherin ist nach der Indoor-Saison überraschend Karin Strametz auf Platz 85, die das Maximum von zwei Hallen-Ergebnissen in die Fünfer-Wertung bringt und eigentlich Richtung EM in Paris plant. Stephanie Bendrat wird eine famose Freiluft-Saison benötigen, um ihre kleine Olympiachance nützen zu können, derzeit liegt sie knapp außerhalb der Top-100 in der Netto-Reihung.

Disziplin Limit (Plätze) Athlet Rang Punkte Punkte 40. Platz Punkte-Rückstand
100m Hü 12,84 (40) Schrott 52. 1.164 1.191 -27
100m Hü 12,84 (40) Strametz 85. 1.123 1.191 -68

Eva Wutti mit "Matchball" beim VCM

Die Marathon-Spezialistin liegt derzeit nur auf Rang 139 des Netto-World Rankings, dennoch hat Eva Wutti (SU TRI STYRIA) die besten Chancen sich beim Vienna City Marathon (VCM) in eine großartige Position für die Olympia-Quali zu bringen. Im Marathonlauf zählen die besten zwei Ergebnisse der letzten 2 Jahre und da hat sie mit 1.142 Punkten (2:34:12 + 50 Bonuspunkte für Platz 6) vom letztjährigen VCM schon ein tolles Resultat in der Wertung. Mit einer passablen Zeit und den 45 Bonuspunkten des Staatsmeistertitels, der in Wien vergeben wird, sollte ein zweiter Top-Wert angeschrieben werden, der sie dann in die Top-80 hievt.

Disziplin Limit (Plätze) Athletin Rang Punkte Punkte 80. Platz Punkte-Rückstand
Marathon 2:29:30 (80) Wutti 139. 1.055 1.123 -68

Valentin Pfeil hat's drauf

Der derzeit in Berlin lebende Valentin Pfeil (LAC Amateure Steyr) hat das Zeug, die Direkt-Qualifikation von 2:11:30 Std. zu schaffen. Wenn das beim Vienna City Marathon nicht gelingt, gilt es eine gute Zeit gepaart mit den Staatsmeisterschafts-Bonuspunkten in die Wertung zu bringen. Derzeit fehlen ihm 30 Punkte auf Platz 80, allerdings hat er trotz guter Zeiten im Vorjahr keinen einzigen Bonuspunkt zu Buche stehen. Aufgrund der Afrika-Schwemme ist das im Männer-Marathon auch besonders schwierig, umso bedeutender sind da die nationalen Meisterschaften. Überraschungsmann Timon Theuer (DSG Wien) könnte nach seinem sensationellen Halbmarathon in den Kampf um die Olympia-Tickets eingreifen. Denn es zählen entweder zwei Marathon-Ergebnisse oder ein Halbmarathon- und ein Marathon-Ergebnis der letzten beiden Jahre. Einmal 1.088 Punkte hat Theuer dank seines Barcelona-Auftritts derzeit stehen. Auch er startet beim VCM.

Disziplin Limit (Plätze) Athlet Rang Punkte Punkte 80. Platz Punkte-Rückstand
Marathon 2:11:30 (80) Pfeil 111. 1098 1128 -30
Marathon 2:11:30 (80) Theuer - - 1128 -

Ohne Bonus-Punkte geht nichts

Gerade im Mehrkampf trifft diese Aussage besonders zu. Und dass nur 24 Plätze zur Verfügung stehen, verschärft die Anforderungen an die beiden heimischen Aspiranten Sarah Lagger (TGW Zehnkampf-Union) und Dominik Distelberger (UVB Purgstall) zusätzlich. Wie beim Marathon zählen im Mehrkampf die beiden punktebesten Ergebnisse der letzten zwei Jahre. Lagger und Distelberger werden bis Ende Juni zwei gute Mehrkämpfe brauchen, um das Tokyo-Ticket buchen zu können, denn die Ergebnisse aus dem Vorjahr (Lagger) und der Hallensaison (Distelberger mit 1 x 1.068 Punkten) sind keine ausreichende Basis. Wie verzerrend die Platzierungs-Bonuspunkte gerade hier sind, wird deutlich, wenn man sich ansieht, wieviele Punkte man sammeln müsste, um auch ohne Bonuspunkte die Werte der derzeit 24. Platzierten zu knacken. 1.160 Ranking-Punkte im Siebenkampf entsprechen einem Heptathlon-Wert von mehr als 6.400 Punkten und für 1.188 Ranking-Score sind im Zehnkampf mehr als 8.400 Punkte nötig.

Klingt etwas aussichtslos, ist es aber nicht, denn mit den Platzierungs-Bonuspunkten kann man bis zu 400 Punkte kompensieren, was andere Athlet/innen bereits vorgemacht haben. Bei den Combined Events-Challenge-Meetings in Lana (ITA), Götzis, Arona (ESP) und Ratingen (GER) gibt's für die Erstplatzierten 110-90-75-65-55-50-45-40-30-25-20-15 Extra-Punkte zu holen. Und bei den Balkan-Meisterschaften warten auf den Mehrkampf-Sieger satte 60 Punkte. Mit zweimal 6.000 Punkten (= 1.076 Ranking-Score) im Siebenkampf bzw. 8.000 Punkten (= 1.126 Ranking-Score) im Zehnkampf bei entsprechenden Platzierungen sind Lagger und Distelberger mittendrin im Geschäft.

Disziplin Limit (Plätze) Athlet/in Rang Punkte Punkte 24. Platz Punkte-Rückstand
Siebenkampf 6.420 (24) Lagger 45. 1.097 1.160 -63
Zehnkampf 8.350 (24) Distelberger - - 1.188 -

Sprint-Qualifikation ist möglich

Der schnellste Österreicher, Markus Fuchs (ULC Riverside Mödling), hat Lunte gerochen, es mittels entsprechender World Ranking-Position nach Tokyo zu schaffen und einen der zu vergebenden 56 Startplätze über 100m oder 200m zu erreichen. In der 100m-Wertung zählen auch max. zwei 60 Meter-Hallenrennen, was bei Fuchs zutrifft. Sein Sieg beim Gugl-Indoor 2020 mit den tollen 6,61s (1.166 Pkt.) ist derzeit sein punktebester Wert, die Hallen-Staats sind sein drittbester Wert. Mit guten Leistungen und den Bonuspunkten bei den Freiluft-Staatsmeisterschaften und den Balkan-Meisterschaften (der Sieger erhält dort jeweils 100 Bonuspunkte) soll der Verstoss geschafft werden. Ob über 200m auch eine Chance besteht, werden die ersten Freiluft-Wettkämpfe zeigen, derzeit ist Fuchs jedenfalls im 100m-Sprint näher dran.

Für Alexandra Toth (ATG) ist eine Olympia-Qualifikation nur dann möglich, wenn sie im Freien an ihre Vorjahrsform anschließen kann und "Big Points" bei den Schlüssel-Wettkämpfen sammelt. Die Chance ist klein, aber wer weiß, was passiert.

Disziplin Limit (Plätze) Athlet/in Rang Punkte Punkte 56. Platz Punkte-Rückstand
100m 10,05 (56) Fuchs 79. 1.132 1.165 -33
200m 20,24 (56) Fuchs 92. 1.108 1.154 -46
100m 11,15 (56) Toth 103. 1.108 1.150 -42

Mit Außenseiter-Chancen

Zum Schluss dieser Analyse wollen wir noch auf vier Athleten blicken, deren selbst genanntes Saisonziel die Freiluft-EM in Paris ist. Hindernisläufer Luca Sinn (Union St. Pölten), der drei Ergebnisse benötigt, könnte es dennoch zu Olympia schaffen, wenngleich sein ursprünglicher Plan, im Februar in Australien erste Rennen bestreiten zu können, verletzungsbedingt ad acta gelegt werden musste. Philipp Kronsteiner, Susanne Walli (TGW Zehnkampf-Union) und Julia Mayer (DSG Wien) liegen im World Ranking recht passabel.

Disziplin Limit (Plätze) Athlet/in Rang Punkte Punkte Platz q Punkte-Rückstand
3000m Hi 8:22,00 (45) Sinn 80. 1.069 1.145 (45.)
-76
Drei 17,14 (32) Kronsteiner 82. 1.098 1.175 (32.)
-77
400m 51,35 (48) Walli 93. 1.100 1.160 (48.)
-60
5000m 15:10,00 (42) Mayer 87. 1.052 1.130 (42.)
-78

Spannung ist garantiert

Das neue Qualifikationssystem ist teilweise ein wenig kompliziert, aber es bringt neue Spannungsmomente in unsere Sportart. Letztlich werden sich die besten Sportler/innen durchsetzen, "One-Hit-Wonder", sofern sie nicht die direkte Qualifikation, durch das Schaffen des Limits, bringen, taugen nichts mehr. Konstanz auf hohem Niveau ist gefragt, und auch die richtige Taktik - wie zum Beispiel der Beitritt Österreichs zu den Balkan-Leichtathletik-Verbänden oder die "Rückenwind-Garantie" bei den Freiluft-Staatsmeisterschaften in Rif.

Wir freuen uns jedenfalls auf die nächsten Wochen und hoffen, dass der ungebetene Gast (Corona Virus) nicht monatelang den gesamten Weltsport 2020 überschatten wird. Fotos (C) GEPA Pictures

28/02/20 20:37, Text: Helmut Baudis

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ÖLV-Cup - Top 5

  Verein

Punkte (Zwischenstand - 24.02.2020)

1. TGW Zehnkampf-Union Logo TGW Zehnkampf-Union 1.205
2. DSG Wien 1.112
3. Union Riverside Mödling Logo ULC Riverside Mödling 875
4. UNION St. Pölten 593
5. logo-SVS SVS-Leichtathletik 576
Gesamt-Ranking