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IAU EM 24-Stundenlauf Verona 17./18. 9. 2022

(C) Ultralauf_Martin Wustinger

Es gibt Wettkämpfe, die stechen aus der unübersehbaren Masse an Rennen heraus und hinterlassen generationenübergreifend bleibenden Eindruck: Abebe Bikilas Barfußlauf zu Olympiagold 1960 in Rom, Bob Beamons Weitsprung auf 8,90 m 1968 in Mexico City und - mit Österreichbezug - Franz Klammers Fahrt zu Olympiagold 1976 in Innsbruck und Hermann Maiers Sturz und Olympiagold 1998.

Für die Ultralaufsportgemeinde weltweit und vor allem für uns Glückliche vor Ort im und um das Sport-Centre „Adolfo Consolini“ in Verona gab es am vergangen Wochenende solch ein sportliches Hochamt: Alexandr Sorokin aus Litauen, der im August des Vorjahrs den Jahrhundertweltrekord von Yannis Kouros aus dem Jahr 1997 auf 309,399 km verbessert hatte, lief wie der sprichwörtliche Mann vom anderen Stern: Runde um Runde, einem Schweizer Uhrwerk gleich, bis am Ende unfassbare 319,614 km in der Ergebnisliste standen: Europameister mit einer Leistung, die einem Lauf von Wien nach etwas weiter als Innsbruck innerhalb eines Tages entspricht.

Sporthistorisch trennen ihn wohl nur 2,186 km, die noch auf die 200-Meilenmarke fehlen, von Eliud Kipchoges Sub2-Marathon 2019 in Wien. Andrzej Piotrowski aus Polen wurde mit 301,859 km als dritter Mensch weltweit, der in 24 Stunden über 300 km gelaufen ist, nur Zweiter. Marco Visintini setzte sich als EM-Dritter und neuer Italienischer Rekordhalter mit 288,438 km auf Rang 5 der ewigen Weltbestenliste.
Im Frauenrennen übernahm Patrycia Bereznowska aus Polen erst kurz vor Schluss die Führung und wurde mit 256,250 km Europameisterin vor Stephanie Gicquel aus Frankreich mit 253,581 km und Malgorzata Pazda-Pozorska aus Polen in 251,806 km.

Auch aus österreichischer Sicht war es eine erfreuliche Europameisterschaft, pulverisierte doch Karin Freitag von der LG Itter in Tirol mit 229,457 km den österreichischen Rekord: mehr als 10 km über der alten Bestmarke. Platz 16 in der EM-Wertung und einen Tag lang eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 9,561 km/h. Sie bestätigte damit ihr Porträt an dieser Stelle vom Donnerstag vergangener Woche vollauf. Respekt! Chapeau!

Sabrina Lederle vom Team Vegan.at wählte von Beginn an ein vielversprechendes Tempo, wurde aber ab der sechsten Stunde von Magenproblemen gequält. Wirklich gequält. Sie ließ sich nicht und nicht unterkriegen, lag lange auf persönlichem Rekordkurs und bewies mit 186,249 km und Rang 57 in der EM-Wertung alle positiven Eigenschaften, die es im Ultralaufsport braucht. Von ihr und davon lässt sich auch fürs echte Leben viel lernen.
Regina Kadi vom ULT Heustadlwasser tat es ihr gleich und überwand alle Schmerzen, die ihr dieses Rennen in den 1,52548 km langen Rundkurs legte: 157,360 km und Rang 67 in der EM-Wertung.

Das Männerrennen bot aus Österreichischer Sicht keine Höhepunkte, aber bei denen, die bis zum Schluss auf der Strecke blieben, solide Leistungen. Staatsmeister Dominik Pacher vom SV Penk Laufen trotzte seinen Problemen mit der nächtlichen Kälte, lief gleichmäßig und bestätigte mit 212,704 km und EM-Rang 63 sein Leistungsniveau von der heurigen Staatsmeisterschaft.

Markus Hartlauer vom ASKÖ Laufwunder Steyr und Andreas Jetzinger vom LC MKW Hausruck erlebten ein typisches 24-Stundenrennen mit hohen Höhen und abgründigen Tiefen; sie überwanden sich, insbesondere in der feuchtkalten Nacht, immer wieder selbst, hielten hin und hielten durch und stellten sicher, dass Österreich auch im Ziel ein Team stellte. Ränge 149 und 150 mit je 175,666 km.

Wolfgang Michl, der vor drei Wochen österreichischen 100 km-Rekord gelaufen ist, lieferte ein Musterbeispiel für eine Art kindliche Furchtlosigkeit ab: er lief und lief, als hätte es in Berlin-Bernau keine Ziellinie gegeben, als gäbe es kein Morgen. Das kann funktionieren, wie die ewige österreichische Bestenliste über 24 Stunden beweist: Günter Klammer aus Mautern, der, wie ich in Verona erfahren habe, mit Karin Freitag verwandt ist, lief von 20. auf den 21. Juli 2003 in Wörschach 264,901 km; es war sein einziger Lauf über diese Distanz und nur einer Ultraläufen überhaupt.

Meistens funktioniert es aber nicht. Wolfgang beendete sein Rennen nach 180,107 km wegen Verdauungsproblemen, obwohl noch ausreichend Zeit vorhanden war, um seine persönliche Bestleistung von 225,740 km zu überbieten.

Dominik Glaser vom ULT Heustadlwasser beendete sein Rennen nach 145,021 km, weil er für sich keine Perspektive auf Verbesserung seiner persönlichen Bestleistung von 223,831 km mehr sah.
Verona hat bewiesen, dass das globale Leistungsniveau im Ultralaufsport rasant steigt. Auch in Österreich bemerken wir - zwar nicht in dieser Geschwindigkeit und vor allem nicht Dichte - ein sehr erfreuliches Ansteigen des Leistungsniveaus.

Ein Nachwort: mein erster persönlicher Kontakt mit Alexandr Sorokin ereignete sich bei der 24-Stunden-EM 2016 in Albi. Damals lief er den ersten Marathon in, wenn ich mich richtig erinnere, etwa 2.46 Stunden an, mich bei unzähligen Überrundungen schwindlig und hielt stundenlang hin, bis es ihn sprichwörtlich zerriss. Was passierte dann? Alexandr Sorokin, dessen persönliche Bestleistung schon damals 260,491 km betrug, der damals schon große Alexandr Sorokin, wanderte Stunde um Stunde um den Rundkurs in Albi, versuchte wieder und wieder ins Laufen und erreichte so schließlich nach 24 Stunden das Ziel.

Text: Georg Mayer

19/09/22 16:52, Text: Bernhard Rauch

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