Im Mittelpunkt dieser wissenschaftlichen Arbeit der Kyniska Advocacy, Leeds Beckett University und Loughborough University stehen nicht nur einzelne Übergriffe, sondern die Frage, wie solche Erfahrungen durch sportliche Strukturen begünstigt werden und wie sie das Leben der Betroffenen noch Jahre später prägen.
Die Studie zeigt, dass Trainer:innen-Fehlverhalten in sehr unterschiedlichen Formen auftreten kann. Dazu zählen emotionale Gewalt, manipulative Kontrolle, ethisch problematische Praktiken wie Druck rund um Gewicht und Essverhalten, körperliche Überforderung bis hin zum Trainieren trotz Verletzungen, Diskriminierung sowie sexualisierte Übergriffe. Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass diese Formen selten isoliert auftreten. Vielmehr verstärken sie sich gegenseitig und entwickeln sich oft schrittweise: Kontrolle, soziale Isolation, Demütigungen oder Kommentare zum Körper können Vorstufen schwererer Gewalt sein. Frauen sind dabei besonders gefährdet, weil Geschlechterrollen, Machtgefälle und männlich dominierte Sportstrukturen die Abhängigkeit von Trainern zusätzlich verstärken.
Die Folgen reichen weit über die Sportkarriere hinaus
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die Folgen weit über die aktive Sportkarriere hinausreichen. Die Forscherinnen beschreiben fünf zentrale Langzeitfolgen. Erstens leidet häufig die psychische und körperliche Gesundheit: Betroffene berichten von Angstzuständen, Depressionen, Essstörungen, Panikattacken, posttraumatischen Belastungssymptomen und langfristigen körperlichen Schäden. Zweitens beeinträchtigt der Missbrauch Beziehungen und Vertrauen.
Viele Frauen schildern Schwierigkeiten, anderen Menschen – insbesondere Männern in Autoritätspositionen – zu vertrauen, und berichten von sozialem Rückzug oder belasteten Partnerschaften. Drittens kommt es oft zu einer Entfremdung vom Sport. Sport, der früher Freude, Identität und Gemeinschaft bedeutete, wird mit Angst, Druck und Schmerz verbunden. Viertens entstehen hohe finanzielle und zeitliche Belastungen, etwa durch Therapien, medizinische Behandlungen, Rechtsberatung oder den Verlust von Förderungen und Sponsoring. Fünftens berichten einige Betroffene zwar von einer später entwickelten Resilienz, doch betont die Studie, dass dies nicht als „positiver Ausgang“ romantisiert werden darf, sondern meist das Ergebnis enormer Eigenleistung trotz fehlender Unterstützung ist.
Systemische Ursachen - keine Einzelfälle
Als Ursachen identifiziert die Studie nicht nur einzelne Trainerpersönlichkeiten, sondern ein ganzes System. Genannt werden schlechte Coaching-Praxis, fehlende Unterstützung durch Sportorganisationen, toxische Teamdynamiken und eine Sportkultur, die Gehorsam, Härte und Leistung über Wohlbefinden stellt. Verbände und Organisationen hätten Beschwerden oft nicht konsequent verfolgt, seien von Interessenkonflikten geprägt und hätten eher den Ruf des Sports als den Schutz der Athletinnen priorisiert.
Die Empfehlungen der Studie zielen daher auf strukturelle Reformen. Gefordert werden traumasensible Unterstützungsangebote für ehemalige Athletinnen, eine Abkehr von leistungszentrierten Kulturen, die Schaden legitimieren, sowie ein geschlechtersensibles Safeguarding, das Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung gezielt berücksichtigt. Außerdem empfiehlt die Studie mehr Prävention, etwa durch Aufklärung zu Machtverhältnissen und Grenzen, einen unabhängigen Unterstützungsfonds für Betroffene, Begleitung über das Karriereende hinaus und die stärkere Einbindung von Betroffenen in Politik und Reformprozesse. Insgesamt macht die Studie deutlich, dass Missbrauch im Sport kein Randproblem einzelner Täter ist, sondern ein strukturelles Problem, das nur durch tiefgreifende kulturelle und institutionelle Veränderungen wirksam bekämpft werden kann. Die Ergebnisse der Studie können hier auf 38 Seiten online nachgelesen werden.
Safe-Sport-Kodex für Österreich: Ausarbeitung beginnt
Diesen Montag, 22. Juni 2026, hat die Ausarbeitung eines österreichischen Safe-Sport-Kodex mit einem Arbeitstreffen im Haus des Sports in Wien begonnen. Der Kodex wird gemeinsam mit der Österreichischen Bundes-Sportorganisation (Sport Austria) Interessenvertretung des organisierten Sports sowie der Expert:innenorganisation "100% Sport" ausgearbeitet und wird noch heuer vorliegen, wie das Sportministerium mittels OTS-Meldung bekanntgab.
Die Stärkung von Integrität und Schutzstrukturen im Sport zählt zu den zentralen Anliegen des Sportministeriums. Alle Menschen, die Sport treiben, sollen dies in einem sicheren Umfeld tun können. In den vergangenen Monaten hat das Sportministerium dazu einen umfassenden Analyse- und Austauschprozess gestartet. Sport-Staatssekretärin Schmidt führte dabei insbesondere auch bilaterale Gespräche mit den Sportministerin der Schweiz und Finnlands. Beide Länder gelten europaweit als Vorreiter im Bereich Safe Sport und Integritätsschutz.
Sport-Staatssekretärin Schmidt: „Integrität im Sport ist kein Nebenthema, sondern eine Grundvoraussetzung. Ziel des Kodex ist es, gemeinsame Standards für Prävention, Meldestrukturen, Aufarbeitung und Schutzmaßnahmen im österreichischen Sport zu definieren. Wer Sport treibt, muss darauf vertrauen können, respektvoll behandelt und wirksam geschützt zu werden. Mit dem Safe Sport Kodex schaffen wir eine gemeinsame Grundlage für den gesamten österreichischen Sport.“
Safeguarding: ÖLV ist selbst aktiv und unterstützt alle Vorhaben zur Weiterentwicklung
Der Österreichische Leichtathletik-Verband bekennt sich ganz klar zu allen Safeguarding-Vorhaben des Sportministeriums, aber auch aller anderen Player (World Athletics, European Athletics) im Sport. Seit 2024 ist eine eigene Safeguarding-Ordnung in der österreichischen Leichathletik in Kraft, die auf einem umfassenden Safeguarding-Konzept basiert. Dieses besteht aus drei Hauptbereichen (Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung, Prävention, Intervention), welche sich untereinander ergänzen.
Weitere Kernelemente des ÖLV-Konzepts bilden die "Green Card" für alle Betreuer:innen, Kampfrichter:innen und Funktionär:innen, das "Safe-Athletics-Zertifikat" für ÖLV-Vereine sowie die Tätigkeit eines Safeguarding-Teams mit Expert:innen. Details zu den Safeguarding-Maßnahmen in der österreichischen Leichtathletik können hier nachgelesen werden.
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