Diese vom ÖLV gewählte Vorgangsweise wurde bereits vor zwei Jahren bei der Nominierung des Teams für die U20-WM in Lima (PER) angewandt und kommt seit gut zwei Jahrzehnten für das European Youth Olympic Festival (U18) zur Anwendung, wo es für die Leichtathletik keine Limitvorgaben des internationalen Verbands gibt und nur zwölf Plätze zur Verfügung stehen.
Die Crux mit den World-Athletics-Limits
In den letzten Jahren zeichnete sich ein Trend ab, dass die Limits von World Athletics in jenen Bewerben, wo man die Vorläufe mit Athlet:innen auffüllen möchte, relativ leicht angesetzt werden. So kommt es in manchen Bewerben zur grotesken Situation, dass Limits für die U20-Weltmeisterschaften leichter sind als jene für U20-Europameisterschaften. Als Beispiel sei an dieser Stelle das Limit für die Mädchen im 100 m Hürdenlauf angeführt, wo sich eine Athletin mit 14,10 s für die U20-WM 2026 qualifizieren könnte, aber für die U20-EM im Vorjahr deutlich schwierigere 13,92 s benötigte.
Deutschland: Natürlich Selektion durch hohe Dichte
Die Nationalen Leichtathletik-Verbände begegnen diesen inhomogenen und teilweise bewusst niedriger angesetzten Limits von World Athletics auf unterschiedliche Art und Weise. Deutschland übernimmt zum Beispiel die Limits unverändert, kann sich aber aufgrund der großen Qualität und Quantität der deutschen Nachwuchs-Leichtathletik sicher sein, dass sich am Ende nur Personen qualifizieren, deren Leistungsniveau deutlich besser ist als die internationalen Normen.
So haben zum Beispiel heuer bereits zehn deutsche Athletinnen die 400-m-Norm (55,20 s) für die U20-WM unterboten, neun blieben dabei unter der 55-Sekunden-Marke. Die Top-3-Läuferinnen unseres großen Nachbarlands weisen sogar 53-Sekunden-Zeiten auf. Über 100 m Hürden sind ebenfalls zehn junge deutsche Athletinnen unter der Soll-Zeit von World Athletics (14,10 s) gelieben. Die Schnellste, Daryl Ndasi, lief ihre Bestzeit mit 13,24 s beim Liese-Prokop-Memorial in Österreich.
Verschärfte nationale Normen in NOR, CZE, GBR, NED u.v.a. Ländern
Den einfachen, internationalen Limits im Nachwuchsbereich begegnen zahlreiche Leichtathletik-Verbände mit schwereren, nationalen Limits. Dabei orientieren sie sich an einem potenziellen Top-8-Ergebnis wie in Großbritannien oder einem Top-12- bis Top-16-Ergebnis wie in Tschechien. Das ist legitim, weil gemessen werden alle Nationalen Leichtathletik-Verbände zumeist nur an den Ergebnissen in der Allgemeinen Klasse, wo die Limits und Qualifikationsanforderungen unendlich schwerer sind als in den Nachwuchskategorien.
In Österreichs Fördersystem kann der ÖLV nur dann Erfolgspunkte für die Nachwuchsarbeit gegenüber dem Fördergeber (Bundes-Sport Gmbh) sammeln, wenn Top-8-Ergebnisse bei U20-WM, U23-EM, U20-EM oder U18-EM erzielt werden. Die bloßen Teilnahmen werden nicht berücksichtigt. Ergänzt werden muss, dass Allgemeine-Klasse-Ergebnisse zu 70 Prozent in die Verbandsbewertung einfließen und jene im Nachwuchs nur zu 20 Prozent.
Um bei den oben genannten Beispielen - 400 m und 100 m Hürden der Mädchen - zu bleiben, möchten wir die Normen von World Athletics und die nationalen Normen von Norwegen, Italien, Tschechien und den Niederlanden zum Vergleich veröffentlichen.
| Bewerb | World Athletics | Tschechien | GBR | Niederlande | Norwegen | Italien |
| 400 m Mädchen | 55,20 | 53,00 | 53,30 | 54,50 | 54,80 | 54,85 |
| 100 m Hürden Mädchen | 14,10 | 13,45 | 13,45 | 13,80 | 13,80 | 13,90 |
Österreichs Weg zur Teamfindung
Im Herbst 2025 hat die ÖLV-Sportkommission die Nominierungskriterien für die U20-Weltmeisterschaften lange diskutiert - auch mit Vertreter:innen aller Landesverbände. Es gab bereits einen ausgearbeiteten Vorschlag für verschärfte nationale Limits, die anhand der Ergebnisse der letzten Auflagen der U20-Weltmeisterschaften erstellt wurden. Dieser wurde aber letztlich verworfen und Anfang November 2025 die jetzige Vorgangsweise beschlossen und veröffentlicht, die deutlich mehr Athlet:innen eine Chance gibt, in Eugene (USA) mit dabei zu sein als mit Limits, die z.B. auf Platz 24 und den Aufstieg in die nächste Runde bei den Laufbewerben, fokussieren.
Der ÖLV wird nämlich nur die besten Acht einer Netto-Weltrangliste (zwei Athlet:innen pro Land pro Bewerb, ohne RUS/BLR) entsenden. Die ÖLV-Kriterien wurden breit diskutiert, sind fair, objektiv und seit knapp acht Monaten bekannt und veröffentlicht. Um den Qualifikationsprozess transparent und nachvollziehbar zu gestalten, wird seit Anfang Mai der aktuelle Zwischenstand - mindestens einmal wöchentlich - auf der ÖLV-Website veröffentlicht.
Nachfolgend der aktuelle Zwischenstand in diesem ÖLV-Qualifikationsranking von heute Nachmittag, der acht Qualifizierte und drei im Moment Nicht-Qualifizierte ausweist. Bis diesen Sonntag können sich alle Athlet:innen, welche die internationalen Limits bereits erbracht haben, noch verbessern oder neue Personen durch Erreichen der "Entry Standards" von World Athletics hinzukommen. Das finale Ranking wird am kommenden Montag mit dem Stand der Weltbestenlisten (Top Lists) um 12:00 Uhr zu Mittag erstellt werden.
Der aktuelle Zwischenstand im ÖLV-internen Qualifikationsranking
Aus informativen Gründen führen wir auch die eigentliche (Brutto)Platzierung in der Weltbestenliste im jeweiligen Bewerb an. Dies zeigt auch, wie inhomogen die Limits von World Athletics festgelegt wurden.
| Netto-Platz | . | Athlet:in | Verein | Bewerb | Leistung | Brutto-Platz |
| 11. | Q-1. | Leonie Zoe Haller | ULC Riverside Mödling | Speerwurf | 52,53 | 13. |
| 15. | Q-2. | Pauline Schedler | TS Egg | 1500 m | 4:14,18 | 30. |
| 22. | Q-3. | Stefan Gaisbauer | ULC Linz Oberbank | Diskuswurf | 58,68 | 28. |
| 31. | Q-4. | Lorenz Wirth | TS Lauterach | Zehnkampf | 7.134 | 45. |
| 32. | Q-5. | Raphael Briel | ULC Linz Oberbank | 400 m Hürden | 51,28 | 53. |
| (40.) | - | Pauline Schedler | TS Egg | 800 m | 2:05,99 | 78. |
| 42. | Q-6. | Marlen Staudacher | LAC Klagenfurt | 5000 m Bahngehen * | 23:58 | 98. |
| 44. | Q-7. | Felix Krifka | SVS-Leichtathletik | 200 m | 21,01 |
96. |
| 58. | Q-8. | Lenia Standfest | ATSE Graz | 100 m |
11,66 (1.060 Punkte) |
142. |
| 58. ++ | - | Max Baxa | LT Bgld Eisenstadt | 400 m Hürden | 52,36 (1.016 Punkte) | 123. |
| (67.) | - | Felix Krifka | SVS-Leichtathletik | 100 m | 10,47 | 181. |
| 70. | - | Klara Dünser | ULC Riverside Mödling | 400 m Hürden | 60,69 | 141. |
| 95. | - | Amelie Kofler | Tiroler SprintChampion | 400m | 55,02 | 279. |
| (104.) | - | Lenia Standfest | ATSE Graz | 200 m | 24,29 | 361. |
Schedler, Krifka und Standfest haben Limits in zwei Bewerben erbracht, nur die bessere Platzierung ist ausschlaggebend für das ÖLV-Qualifikationsranking. Stand: 30.6.2026 (15:30 Uhr) | * Kombiniertes Ranking 5000 m Bahngehen + 5 km Straßengehen. | ++ Die Leistung von Lenia Standfest ergibt mehr Punkte in den World Athletics Scoring Tables, daher ist sie vorzureihen. Dies ist in den ÖLV-Nominierungskriterien seit Herbst 2025 so schriftlich festgelegt.
Gut platziert, aber (noch) ohne World-Athletics-Norm
Siebenkämpferin Sarah Daxböck hat am vergangenen Wochenende in Warschau (POL) ihre persönliche Bestleistung im Siebenkampf auf 5.201 Punkte gesteigert und liegt damit in einer Netto-Weltrangliste auf Platz 34 (brutto: 45.). Ihr Pech ist aber, dass World Athletics das Limit für den organisatorisch aufwendigen Mehrkampf immer sehr hoch ansetzt und nur wenige Teilnehmer:innen möchte. Sie hat in den nächsten Tagen leider keine Möglichkeit mehr, das Limit mit 5.280 Punkten zu übertreffen.
Anders sieht die Situation bei Andreas Gamsjäger im Hochsprung aus. Er sprang heuer bereits 2,09 m und liegt damit auf Rang 47 der Netto-Weltrangliste (brutto: 84.), muss aber bis Sonntag das World-Athletics-Limit von 2,12 m überspringen, um vom ÖLV nominiert werden zu können. Mit 2,12 m wäre er auf Netto-Platz 28 und derzeit viertbester ÖLV-Athlet. Diese beiden Beispiele zeigen neuerlich, wie unausgewogen - zugunsten der Sprint-, Lauf- und Hürdenbewerbe - die Limitsetzung von World Athletics stets erfolgt.
Abschließend sei angeführt, dass der ÖLV im Juni eine große U20-Delegation zum weltweit stärksten U20-Wettkampf - der Mannheim Junioren-Gala - entsandt hat, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich mit den Besten zu messen, ihre Leistungen zu verbessern und internationale Erfahrung zu sammeln. Eine WM-Teilnahme, ohne Aussicht auf das Erreichen der nächsten Runde, bringt sicherlich viel weniger für die Entwicklung einer Athletin oder eines Athleten als solch' ein internationaler Wettkampf in Europa.
Quellen:
- Tschechischer Leichtathletik-Verband - Limits und Nominierungskriterien U20-WM Eugene
- Norwegischer Leichtathletik-Verband - Limits und Nominierungskriterien
- Niederländischer Leichtathletik-Verband - Limits und Nominierungskriterien
- Italienischer Leichtathletik-Verband - nationale Limits für die U20-WM Eugene
- Britischer Leichtathletik-Verband - Nominierungskriterien und Limits U20-WM Eugene
- Österreichischer Leichtathletik-Verband - Nominierungskriterien
- Limits von World Athletics für U20-WM Eugene 2026 - PDF - siehe "Downloads" unten
- Limits von European Athletics für U20-EM Tampere 2025 - PDF - siehe "Downloads" unten



